
Der größte Moment
Am 18. Mai 2022 passierte in Sevilla etwas, das selbst die kühnsten Optimisten unter den Frankfurter Fans kaum für möglich gehalten hatten: Eintracht Frankfurt gewann die Europa League. Im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan besiegte die Mannschaft von Oliver Glasner die Glasgow Rangers im Elfmeterschießen mit 5:4, nachdem die reguläre Spielzeit und die Verlängerung mit 1:1 geendet hatten. Es war der größte Erfolg in der Geschichte des Vereins seit dem UEFA-Pokal-Sieg 1980 — und gleichzeitig der erste Titel einer deutschen Mannschaft im Wettbewerb seit Schalke 04 im Jahr 1997.
Was diesen Triumph so besonders machte, war nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Frankfurt hatte in der Saison 2021/22 eine europäische Reise hingelegt, die an Dramatik, Emotionen und unvergesslichen Momenten kaum zu überbieten war. Von der Gruppenphase über das Wunder am Camp Nou bis zum Elfmeter-Drama in Andalusien — diese Europa-League-Kampagne war ein Stück Fußballgeschichte, das weit über Frankfurt hinaus Resonanz fand.
Der Weg nach Sevilla
Frankfurts Europa-League-Reise begann im September 2021 mit der Gruppenphase, in der die Eintracht auf Olympiakos Piräus, Fenerbahce Istanbul und Royal Antwerp traf. Frankfurt qualifizierte sich als Gruppensieger für das Achtelfinale — ein souveräner Auftakt, der aber noch wenig ahnen ließ, was in den folgenden Monaten kommen würde.
Im Achtelfinale setzte sich die Eintracht gegen Real Betis Sevilla durch — 2:3 im Hinspiel in Sevilla, dann 1:1 nach Verlängerung im Rückspiel, was dank der damals noch gültigen Auswärtstorregel zum Weiterkommen reichte. Danach wurde es im Viertelfinale historisch: Am 14. April 2022 besiegte Frankfurt den FC Barcelona im Camp Nou mit 3:2, wobei geschätzte 30.000 Eintracht-Fans das Stadion in eine schwarz-weiße Festung verwandelt hatten. Filip Kostic traf doppelt, Rafael Borre steuerte das dritte Tor bei. Es war eine Nacht, die den Verein für immer veränderte und ganz Europa in Staunen versetzte.
Im Halbfinale wartete West Ham United. Die Eintracht setzte sich gegen die Londoner in zwei engen Begegnungen durch — 2:1 im Hinspiel im London Stadium dank eines späten Treffers von Rafael Borre und 1:0 im Rückspiel in Frankfurt. Die Reise ging weiter, und das Ziel war nun greifbar: das Finale im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla gegen die Glasgow Rangers.
Der Weg durch die K.o.-Phase las sich wie ein Drehbuch: Real Betis im Achtelfinale, Barcelona im Viertelfinale, West Ham im Halbfinale — und dann die Rangers im Finale. Jede Runde brachte eine neue Herausforderung, jede Runde antwortete Frankfurt mit einer Mischung aus taktischer Disziplin, Leidenschaft und der unbedingten Überzeugung, dass in diesem Wettbewerb alles möglich war.
Das Finale gegen die Glasgow Rangers
Das Finale am 18. Mai 2022 im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan war ein Spiel, das die Nerven strapazierte und Fußballgeschichte schrieb. Die Glasgow Rangers, angeführt von Giovanni van Bronckhorst, gingen durch Joe Aribo in der 57. Minute in Führung. Frankfurt antwortete durch Rafael Borre, der in der 69. Minute den Ausgleich erzielte. Nach 90 Minuten stand es 1:1 — Verlängerung.
In den zusätzlichen 30 Minuten passierte trotz beiderseitiger Bemühungen kein weiteres Tor. Es ging ins Elfmeterschießen — und dort wurde Kevin Trapp zum Helden. Der deutsche Nationaltorhüter parierte den entscheidenden Elfmeter von Aaron Ramsey und sicherte Frankfurt den Titel. Das Elfmeterschießen endete 5:4, und Sevilla explodierte in ein schwarz-weißes Freudenmeer. Eintracht Frankfurt war zum ersten Mal seit 42 Jahren europäischer Titelträger — und der erste deutsche Verein, der die Europa League in ihrer aktuellen Form gewann.
Kevin Trapp, der nach dem Finale zu den besten Spielern des Turniers gezählt wurde, beschrieb den Moment später als den bedeutendsten seiner Karriere. Gegenüber T-Online sagte Trapp: «Es ist eine große Auszeichnung für uns. Und eine super Rückmeldung für das, was wir im Jahr 2022 erreicht haben — nicht nur als Mannschaft, sondern als ganzer Verein.» Die gehaltene Parade gegen Ramsey war mehr als eine sportliche Leistung — sie war der Schlussstein einer Saison, die Frankfurt von einem soliden Bundesligisten zu einem europäischen Champion machte. Eintracht Frankfurt war damit der erste deutsche Verein überhaupt, der die Europa League in ihrer aktuellen Form gewann — ein historischer Moment, den die offizielle Eintracht-Website als den größten Erfolg der Vereinsgeschichte würdigt.
25 Jahre nach Schalke
Frankfurts Triumph hatte eine Bedeutung, die über den Verein hinausging. Ganze 25 Jahre lang hatte kein deutsches Team den UEFA-Pokal oder die Europa League gewonnen — seit dem Sieg von Schalke 04 im Jahr 1997, als die Königsblauen sich im Finale gegen Inter Mailand durchsetzten. Diese Lücke von einem Vierteljahrhundert war nicht nur eine statistische Randnotiz, sondern ein Zeichen dafür, dass deutsche Klubs den Wettbewerb lange Zeit nicht ernst genug genommen hatten. Die Champions League galt als das einzig erstrebenswerte Ziel, die Europa League wurde oft als Trostpreis behandelt.
Frankfurt änderte diese Wahrnehmung grundlegend. Die Eintracht zeigte, dass die Europa League ein Wettbewerb mit eigener Würde, eigener Dramatik und eigener Geschichte ist. Der Titelgewinn brachte Frankfurt nicht nur die Trophäe, sondern auch die automatische Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase 2022/23 — ein finanzieller und sportlicher Quantensprung für einen Verein, der in der Bundesliga-Tabelle nie zu den üblichen Champions-League-Anwärtern gehörte.
Die 25-Jahres-Lücke zwischen Schalke und Frankfurt illustriert auch, wie schwierig es ist, die Europa League zu gewinnen. Der Wettbewerb umfasst Teams aus über 30 Ländern, die K.o.-Phase erfordert Konstanz über mehrere Monate, und das Finale an einem neutralen Ort verlangt die gleiche mentale Stärke wie ein Champions-League-Endspiel. Frankfurts Sieg war keine Selbstverständlichkeit — er war das Ergebnis einer perfekten Mischung aus Mannschaftsgeist, taktischer Cleverness und dem unbedingten Willen, Geschichte zu schreiben. Dass der Triumph ausgerechnet in Sevilla stattfand — der Heimstadt des Europa-League-Rekordchampions — verlieh dem Abend eine zusätzliche symbolische Dimension.
Die Helden des Abends
Kevin Trapp war der offensichtlichste Held, aber er war bei weitem nicht der einzige. Rafael Borre, der kolumbianische Stürmer, erzielte das entscheidende Ausgleichstor im Finale und verwandelte seinen Elfmeter im Elfmeterschießen sicher. Borre war während der gesamten K.o.-Phase Frankfurts zuverlässigster Angreifer — ein Spieler, der in den großen Momenten große Leistungen abrief.
Filip Kostic, der serbische Flügelspieler, war der kreative Motor der Mannschaft. Seine Flanken und seine Arbeit auf der linken Seite waren ein taktischer Eckpfeiler, auf dem Glasners System aufbaute. Evan Ndicka, damals erst 22 Jahre alt, spielte eine fehlerfreie Saison in der Innenverteidigung und bewies, dass Jugend und europäische Erfahrung sich nicht ausschließen. Daichi Kamada lieferte im Mittelfeld Kreativität und Torgefahr, während Sebastian Rode als Kapitän die Mannschaft mit Erfahrung und Leidenschaft führte.
Trainer Oliver Glasner verdient besondere Erwähnung. Der Österreicher übernahm Frankfurt im Sommer 2021 und formte aus einer talentierten, aber inkonstanten Mannschaft ein Team, das in der Europa League über sich hinauswuchs. Glasners taktische Flexibilität — das Wechseln zwischen Dreierkette und Viererkette, das Anpassen an verschiedene Gegner — war ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zum Titel. Er verstand es, die Stärken seiner Spieler zu maximieren und eine Atmosphäre zu schaffen, in der jeder Einzelne bereit war, für das Kollektiv alles zu geben.
Die Fans waren der zwölfte Mann. Von den 30.000 im Camp Nou über die ausverkauften Heimspiele bis hin zu den geschätzten 100.000 Frankfurtern, die nach Sevilla reisten — die Eintracht-Anhänger machten den Europa-League-Lauf 2022 zu einem gesamtgesellschaftlichen Ereignis. Es war nicht nur eine Mannschaft, die den Titel holte. Es war ein ganzer Verein, eine ganze Stadt, eine ganze Fangemeinde, die gemeinsam Geschichte schrieb. Die Bilder aus Sevilla — Fans auf den Dachterrassen, in den Straßen, vor den Großleinwänden — wurden zum Symbol für das, was Fußball in seinen besten Momenten sein kann: ein kollektives Erlebnis, das alle Grenzen überwindet.