
Das neue Herzstück der Europa League
Die Gruppenphase ist tot, lang lebe die Ligaphase. Seit der Saison 2024/25 hat die UEFA das Herzstück der Europa League grundlegend umgebaut. Statt acht Gruppen mit je vier Teams gibt es jetzt eine einzige Tabelle mit 36 Mannschaften. Jedes Team bestreitet acht Spiele gegen acht verschiedene Gegner — vier zu Hause, vier auswärts. Was klingt wie ein logistisches Experiment, hat sich in der Praxis als das spannendste Format erwiesen, das der Wettbewerb je hatte.
Die Ligaphase der Europa League 2024/25 produzierte 144 Spiele und 408 Tore. Diese Zahlen sprechen für sich: Der neue Modus generiert mehr Partien, mehr Varianz und mehr Dramatik als die alte Gruppenphase, in der tote Spiele am letzten Spieltag eher die Regel als die Ausnahme waren. In der Saison 2025/26 baut der Wettbewerb auf diese Erfahrungen auf — und die Ligaphase ist erneut das Fundament, auf dem alles steht.
8 Spiele: Warum diese Zahl?
Acht Spiele pro Team — das ist das Minimum, das jeder Teilnehmer der Ligaphase absolviert. Vier Heimspiele, vier Auswärtsspiele, gegen acht unterschiedliche Gegner. In der alten Gruppenphase waren es sechs Spiele gegen drei Gegner, wobei jeder zweimal antreten musste. Die Erhöhung auf acht Partien hat mehrere Gründe, und keiner davon ist Zufall.
Erstens: Mehr Spiele bedeuten mehr Einnahmen. Die Europa League ist ein kommerzieller Wettbewerb, und jedes zusätzliche Spiel generiert TV-Gelder, Ticketeinnahmen und Sponsoring. Die UEFA hat das Budget für die Europa League 2024/25 laut UEFA Circular Letter 13/2024 auf 565 Millionen Euro angesetzt — verteilt auf drei Säulen: Starting Fee, Performance und Value Pillar. Mehr Spiele füllen diese Töpfe effizienter.
Zweitens: Acht Spiele gegen acht verschiedene Gegner erhöhen die sportliche Aussagekraft. In der alten Gruppenphase konnte ein starkes oder schwaches Los über Weiterkommen und Ausscheiden entscheiden. Wer in einer Gruppe mit drei Außenseitern landete, hatte es leichter als ein Team in einer Hammergruppe. Das neue Format gleicht diese Verzerrung aus: Jedes Team trifft auf Gegner aus allen vier Lostöpfen, und die gemeinsame Tabelle macht Leistungen direkt vergleichbar.
Drittens: Die 144 Ligaphase-Spiele verteilen sich auf acht Spieltage zwischen September und Januar. Das sind zwei Spieltage mehr als in der alten Gruppenphase, aber die Belastung pro Team bleibt mit acht Partien moderat. Die UEFA hat den Kalender so gestaltet, dass die Ligaphase-Spieltage in der Regel auf Donnerstage fallen — mit Ausnahme des letzten Spieltags, an dem alle Partien gleichzeitig stattfinden, um Manipulationen und taktische Ergebnisverwaltung zu verhindern.
Die 4 Lostöpfe erklärt
Die 36 Teams der Ligaphase werden vor der Saison in vier Lostöpfe eingeteilt. Die Einteilung basiert auf dem UEFA-Klubkoeffizienten — einer Fünfjahreswertung, die die europäische Leistung jedes Vereins widerspiegelt. Topf 1 enthält die stärksten Klubs, Topf 4 die schwächsten. Jedes Team trifft auf zwei Gegner aus jedem Topf, wobei es gegen einen davon zu Hause und gegen den anderen auswärts spielt.
Das Lostopf-System stellt sicher, dass kein Team ausschließlich leichte oder ausschließlich schwere Gegner bekommt. Ein Verein aus Topf 1 trifft auf zwei weitere Teams aus Topf 1, aber auch auf je zwei aus den Töpfen 2, 3 und 4. Umgekehrt bekommt ein Außenseiter aus Topf 4 die Chance, sich gegen zwei Top-Teams zu beweisen — und hat gleichzeitig Spiele gegen Gegner auf Augenhöhe.
Die Auslosung selbst wird computergestützt durchgeführt. Ein Algorithmus ordnet die Gegner so zu, dass jedes Team exakt acht Spiele hat, die Verteilung zwischen Heim und Auswärts ausgeglichen ist und keine zwei Teams mehr als einmal aufeinandertreffen. Dieses Verfahren ist technisch komplex, aber es garantiert ein faires und ausgewogenes Spielplan-Gerüst. Die UEFA hat den Algorithmus vor der ersten Anwendung in der Saison 2024/25 öffentlich dokumentiert und unabhängig prüfen lassen.
Eine Tabelle für alle
Das vielleicht radikalste Element des neuen Formats ist die gemeinsame Tabelle. Alle 36 Teams werden in einer einzigen Rangliste geführt — sortiert nach Punkten, Tordifferenz und weiteren Tiebreaker-Kriterien. Es gibt keine Gruppen mehr, keine separaten Tabellen, keine Vergleiche zwischen verschiedenen Töpfen. Wer nach acht Spieltagen auf Platz 1 steht, hat objektiv die beste Ligaphase aller 36 Teilnehmer gespielt.
Diese Transparenz verändert die Dynamik des Wettbewerbs grundlegend. In der alten Gruppenphase war ein Sieg in Gruppe A nicht direkt vergleichbar mit einem Sieg in Gruppe H — die Gegner waren verschieden, die Stärkeverteilung unterschiedlich. Jetzt zählt jeder Punkt gleich, und die Tabelle erzählt die Wahrheit. In der Vorsaison spiegelte sich das in einer Ligaphase wider, die bis zum letzten Spieltag umkämpft war: Plätze in den Top 8, Positionen im Playoff-Bereich und der Absturz auf die Plätze 25 bis 36 entschieden sich teilweise erst in den letzten 90 Minuten.
Für die Zuschauer bringt die gemeinsame Tabelle einen weiteren Vorteil: Sie ist intuitiv verständlich. Wer oben steht, ist gut. Wer unten steht, ist raus. Die Komplexität des Lostopf-Systems und der Gegnerzuordnung verschwindet hinter einer simplen Rangliste, die jeder Fußballfan auf den ersten Blick lesen kann. Die statistischen Daten der UEFA zeigen, dass die Ligaphase auch in Sachen Tore liefert: 2,84 pro Spiel im Durchschnitt, verteilt über 144 Partien.
Top 8, Platz 9 bis 24, Out
Die Tabelle nach acht Spieltagen entscheidet über drei Schicksale. Die Top 8 qualifizieren sich direkt für das Achtelfinale — sie überspringen die Playoff-Runde und genießen im Achtelfinale den Vorteil des Rückspiels zu Hause. In der Saison 2025/26 sicherten sich unter anderem Aston Villa, der FC Porto, der SC Freiburg und die AS Roma die direkten Achtelfinale-Plätze.
Die Teams auf den Plätzen 9 bis 24 müssen einen Umweg nehmen. Sie spielen im Februar Playoffs — Hin- und Rückspiel — um die verbleibenden acht Achtelfinale-Tickets. Die gesetzten Teams auf den Plätzen 9 bis 16 haben dabei den Vorteil des Rückspiels zu Hause und treffen auf Gegner von den Plätzen 17 bis 24. Der VfB Stuttgart beispielsweise musste diesen Weg gehen und setzte sich in den Playoffs gegen Celtic Glasgow durch.
Für die Mannschaften auf den Plätzen 25 bis 36 ist die Saison in der Europa League beendet. Es gibt keinen Abstieg in die Conference League, keinen Trostpreis, kein zweites Leben. Wer nach acht Spielen im unteren Drittel der Tabelle steht, fliegt raus — endgültig. Dieses Prinzip der klaren Konsequenz ist eines der stärksten Argumente für das neue Format: Es gibt keine toten Spiele, weil jeder Punkt über Top 8, Playoff oder Ausscheiden entscheiden kann.
Die Dreiteilung der Tabelle erzeugt eine natürliche Dramatik, die die alte Gruppenphase nicht bieten konnte. Wenn am letzten Spieltag gleichzeitig 18 Partien angepfiffen werden, entscheiden sich Dutzende von Schicksalen parallel. Für Fans, die den Wettbewerb verfolgen, ist das ein Abend wie kaum ein anderer im europäischen Vereinsfußball. Die Konferenzschaltung auf RTL+ zeigt dann alle Spiele gleichzeitig — ein Format, das dem Bundesliga-Konferenz-Prinzip ähnelt und die Spannung auf die Spitze treibt.
Das neue System hat auch Auswirkungen auf die Taktik der Trainer. In der alten Gruppenphase konnten Teams, die früh feststanden, Spieler schonen und mit B-Elf auflaufen. Im neuen Format ist jede Platzierung relevant: Der Unterschied zwischen Platz 8 und Platz 9 ist der Unterschied zwischen direktem Achtelfinale und einer zusätzlichen Playoff-Runde mit zwei Extra-Spielen. Dieser permanente Leistungsdruck ist gewollt — und er trägt dazu bei, dass die Ligaphase von der ersten bis zur letzten Minute hochklassigen Fußball liefert.